Der Kirchenkreis trauert um Heinrich Grosse

Nachricht 25. Januar 2018

Ein Nachruf von Hans-J├╝rgen Benedict und Martin Cordes

Verstorben: Heinrich Grosse (Bild: privat)

Heinrich Grosse (geb. 1942) ist aufgewachsen in Nachbarschaft der gotischen Lüneburger Kirche St. Nicolai, an der sein Vater Pastor war. Nach dem Abitur 1961 studiert er evangelische Theologie in Hamburg, Heidelberg und Tübingen. Nach seinem 1. theologischen Examen und einer Assistentenzeit in Bethel/Bielefeld setzt er 1967/68 seine Studien an der theologischen Hochschule Boston/USA fort. Er gerät mitten in die Hoch-Zeit der Bürgerrechtsbewegung, nimmt teil an Aktivitäten der Southern Christian Leadership Conference in den Südstaaten, erlebt vor allem auch Martin Luther King. Er geht dann zur Ruhr-Universität Bochum, um bei Hans-Eckehard Bahr an dem neu eingerichteten Lehrstuhl für die handelnde Kirche eine Dissertation über King und die Bürgerrechtsbewegung zu schreiben. Sie wird 1971 unter dem Titel „Die Macht der Armen“ in der Reihe „Konkretionen“ veröffentlicht.

Es folgt eine 17-jährige Tätigkeit als Gemeindepastor in einer Wolfsburger Kirchengemeinde. Er war dort maßgeblich an der kirchlichen Friedensarbeit des Kirchenkreises beteiligt. Seine Pfarramtserfahrungen führen ihn nicht nur zur Kritik an eingefahrenen kirchlichen Strukturen, sondern mit Kollegen auch zu dem Entwurf einer alternativen Kirchengemeindeordnung, die die Stellung des Pastors in ein teamfähiges Verhältnis zu den anderen kirchlichen Mitarbeitern bringen wollte. Als Autor und Mitherausgeber arbeitet er bei Zeitschrift „Pastoraltheologie“ bis 2007 mit.

Im Jahr 1989 wird er an das Pastoralsoziologische Institut der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers berufen und wirkt dort zunächst als Dozent, seit der Angliederung des Instituts an die Evangelische Fachhochschule als Professor. In diesem Institut ist er vor allem für den soziologischen Teil der Pfarrerausbildung zuständig. Eine Vielzahl von Vikarskursen hat seine engagierte und kontaktfreudige Mitarbeit in den pastoralsoziologischen Phasen erlebt. Das Institut geht 2004 in das neu gegründete Sozialwissenschaftliche Institut der EKD über, in dem er von 2004 bis zum Eintritt in den Ruhestand wirkt.

Gleichzeitig entwickelt er sich zum Landeskirchenhistoriker, indem er die Rolle der Hannoverschen Landeskirche während des Naziregimes kritisch untersucht. Mit H. Otte und J. Perels gibt er 1996 den Sammelband „Bewahren ohne Bekennen? Die Hannoversche Landeskirche im Nationalsozialismus“, dann den Band „Neubeginn nach der NS-Herrschaft?“ heraus, und schließlich 2011 den Sammelband „Kirche in bewegten Zeiten“ über die Hannoversche Landeskirche und 1968. In seinen Aufsätzen zum Kirchenkampf räumt er mit mancher Legende auf. Kennzeichnend für seine wissenschaftliche Arbeit, auch als Bonhoeffer-Forscher und in der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft, ist seine Fairness in der Aufnahme abweichender Positionen und im persönlichen Kontakt mit anderen Autoren.

Bonhoeffers Entwurf einer „Kirche für andere“ prägt ihn in seiner pastoralen Tätigkeit und in seinem zivilgesellschaftlichen Engagement. Kirche muss aber auch „Kirche mit anderen“ werden und ihre Mittelschichtgebundenheit aufbrechen. 2007 beendet Grosse seine Tätigkeit als Leiter, Professor und Forscher am Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD mit einem Forschungsprojekt „Armut als Herausforderung für Kirchengemeinden“, das hilfreiche Anregungen für eine neue soziale Praxis von Ortsgemeinden gibt.

Im Ruhestand unternimmt Heinrich Grosse weite Reisen auf die Kontinente Asien, Lateinamerika und Afrika, arbeitet weiter an den Fragen zur Kirchenreform und zur Aktualität Kings, engagiert sich im Hemminger Tafelcafe u.a.m. Seine zugewandte und lebendige Art, sein feiner Humor, sein nie nachlassender Elan kennzeichnen ihn auch im Alter. Es ist nicht übertrieben zu sagen: Heinrich Grosse hat sein Engagement für eine solidarische Kirche und eine bessere Welt mit seinen Forschungen und seiner praktischen Arbeit überzeugend und vorbildhaft gelebt.

Einen Sammelband mit Reden Martin Luther Kings zum 50. Jahrestag von Kings Ermordung konnte er noch fertigstellen und mit einem Vorwort versehen. Am 9. Januar ist er in Hannover an einem Herzversagen gestorben. Er hinterlässt seine Frau Hildegard und die Töchter Susanne und Christiane mit Familie und viele trauernde Freunde.