Angedacht

Nachricht 04. Juli 2018

Ob er mir ein kleines Gummiboot heilmachen kann, für eine Familie aus meinem Haus, habe ich in der Werkstatt gefragt. Es hat ein kleines Leck. Etwas Gummilösung und ein mittlerer Flicken müssten bestimmt reichen. „Ich würde ja meinen Fuß mehr nicht in ein Boot setzen“, sagt Waldemar zu mir und schraubt an einem Lenker herum. Er betreut die Fahrradwerkstatt im Flüchtlingswohnheim. „Fester Boden unter den Füßen“, ruft der alte Mann und guckt mit seinen blauen Augen unter einem Paar von buschigen Augenbrauen hervor, „das ist das Wichtigste.“ Dann legt den Schraubenschlüssel beiseite und sagt leise: „Pillau. Heute heißt das Baltijsk. Das war unser Hafen. Von da sind wir auf ein Fischerboot – meine Mutter, meine Schwestern und ich.“ Er sortiert die Schlüssel nach ihrer Größe und legt sie wie die Orgelpfeifen ordentlich aufgereiht nebeneinander auf seine Werkbank. „Anfang 1945“, fährt er fort. „Da war ich noch so klein“, und er zeigt auf ein Dreirad, das unter dem Tisch steht. „Wir haben es geschafft, über die Ostsee. In Lübeck sind wir an Land gegangen und haben Gott gedankt für die Rettung.“ Dann putzt er sich laut und vernehmlich die Nase. „Und wenn ich das sehe“, sagt er dann, „wie da die Schiffe mit den Flüchtlingen auf dem Mittelmeer treiben und keinen Hafen finden – dann frage ich mich, ob das noch das christliche Abendland ist. Also – christlich finde ich das jedenfalls nicht mehr.“

Nachdenklich grüßt Sie Ihre Pastorin Elisabet Heyde

Vakanzvertreterin in Rethen

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