Wenn Kirche auf Wirklichkeit trifft – dann wird daraus Diakonie
„Kinderarmut geht uns alle an!“ So lautete die Überschrift zu dem Diakoniegottesdienst, zu dem am Diakoniesonntag, den 14. September 2008, die Region Hemmingen in die Friedenskirche nach Arnum eingeladen hatte. -- Das Kinderzimmer im Vordergrund wird ausgeräumt. Ärmere Kinder laden nicht gern Freunde nach Hause ein. Sie schämen sich, weil sie das nicht haben, was anderen „selbstverständlich“ ist. Allein in Hemmingen sind 275 Kinder durch die Behörden erfasst, die als „arm“ eingestuft werden müssen. Da viele Familien sich ihrer Armut schämen, und nie Anträge und Hilfsersuchen stellen, dürfte die reale Zahl deutlich höher liegen. Aber schon die Zahl 275 ist erschreckend hoch für eine weitgehend wohlhabende Gemeinde wie Hemmingen.
15.09.2008 - Quelle: Kirchenkreis
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Zunächst war in der Friedenskirche das Zimmer eines „normal“ wohlhabenden Kindes aufgebaut. Vereinstrikot und –beiträge, wertvolles Sportrad, Kosten für privaten Nachhilfeunterricht, Musikschule, Kinobesuche und Computerspielkonsole waren auf großem Raum zu finden.
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Da staunten selbst die Konfirmanden nicht schlecht, als anhand von zwei Fallbeispielen dargestellt wurde, wie innerhalb kurzer Zeit zwei Familien durch unglückliche Umstände in die Armut abrutschen und diese Armut sich massiv auf das Leben der Kinder niederschlägt.
Nicht nur der monatliche Kinobesuch und der halbjährliche Zoobesuch müssen gestrichen werden. Auch das Geburtstagsgeschenk für den Freund steht in Frage und der Vereinsbeitrag zum heißgeliebten Fußballverein kann nicht mehr gezahlt werden. Musikunterricht fällt flach, und es ist schwierig, aber unbedingt notwendig, aus dem langfristigen Vertrag für den privaten Nachhilfeunterricht herauszukommen. Die Videospielkonsole muss genau so abgegeben werden, wie der Wunsch nach einem neuen Fahrrad. Und in der kleineren Wohnung, die jetzt notwendigerweise in einem anderen, "preiswerteren" Stadtteil zu beziehen ist, gibt es im Jugendzimmer auch kaum noch Platz, nachdem das Bett aufgestellt wurde. Der Kontakt zum bisherigen Freundeskreis bricht zusammen.
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Während des Vortags der Fallbeispiele aus den Erfahrungen der diakonischen Arbeit wurde vieles weggenommen.
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Kinder können meist nichts dafür, wenn eine Familie plötzlich verarmt. Aber sie müssen mit tragen und ertragen, was Armut bedeutet und erleben besonders deutlich, dass sie viel verlieren: Hilfen für schulische Leistungen, den Freundeskreis in gewohnter Umgebung, viele Möglichkeiten am Leben teil zu haben, gehen ihnen verloren.
Die Diakoniebeauftragten der vier Hemminger Kirchengemeinden und Pastor Ewert hatten zusammen mit der Kirchenkreissozialarbeiterin Frau Brandt-Zwirner, Herrn Bogena von der Schuldnerberatung des Diakonischen Werkes in Laatzen und dem Diakoniepastor Herrn Klatt diesen Gottesdienst vorbereitet.
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Das, was übrig blieb, passt auch in das kleinste Zimmer, das einem Kind zugemutet werden kann.
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„Wenn Kirche auf Wirklichkeit trifft...“ begann Diakoniepastor Klatt seine Predigt und führte zu der Geschichte von der Kindersegnung aus Markus 10 aus, dass Jesus hier deutlich macht, wie falsch es ist, Kinder zu behandeln, als würden sie nur unter „ferner liefen“ mitlaufen, wie es etwa bei der Bemessung der Hartz-IV-Sätze geschehen ist. Den Kindern muss der Segen zuteil werden. Und wenn unsere Gesellschaft mit Wohlstand gesegnet ist und gleichzeitig so eingerichtet, dass Teilhabe am Leben und damit am Segen nur durch Geld geregelt ist, dann werden ärmere Kinder vom Segen ausgeschlossen. Ihnen wir die Freude genommen und die Perspektive. Sie lernen: „Ich bin nichts wert -- ich habe nichts beizutragen – ich darf nicht teilnehmen!“ Diese Erfahrung legt sich wie eine Hypothek auf ihre Zukunft, die später nur schwer abzutragen ist.
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Diakoniepastor Christian Klatt hält ein eindringliche Predigt über den Segen, der Kindern nicht vorenthalten werden soll.
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Viele ältere Erwachsene nehmen solche Argumente nicht auf und sagen: „Wir hatten doch früher all diese Sachen auch nicht -- und Geld hatten wir auch keins!“ Damit haben sie recht. Aber sie übersehen, dass damals das alltägliche Leben von Kindern in vielen Bereichen anders organisiert war und weitgehend ohne -- oder nur mit geringen Geldbeiträgen zu bestreiten war. Wo alle kaum etwas hatten, fiel niemand aus dem Gemeinschaftsleben heraus, der keine Beiträge zahlen konnte. Das ist aber längst nicht mehr unsere Realität.
Deshalb ist es eine diakonische Aufgabe, die Menschen, besonders in verantwortlichen Positionen aufzurütteln. Es müssen Reglungen gefunden werden, die den Kindern, die nichts für die wirtschaftliche Situation ihrer Familie können, eine gerechte Teilhabe am Leben unserer gesegneten Gesellschaft eröffnen. Denn vom Segen, sagt Jesus, dürfen gerade die Kinder nicht ausgeschlossen werden!
Uwe Büttner,
Öffentlichkeitsbeauftragter im
Kirchenkreis Laatzen-Springe
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