„Kriegskinder“ müssen es lernen zu erzählen, damit sie ihr Leid meistern können!
So fasste am 06. Mai im Gemeindehaus der Trinitatis-Kirche Hemmingen die Psychotherapeutin Frau Anette Winkelmüller ihre Erfahrungen zusammen, die sie in ihrer Praxis mit den „Kriegskindern“ des zweiten Weltkrieges gemacht hatte.
07.05.2010 - Quelle: Nachrichten 2010 aus dem Kirchenkreis
Denn die Kinder haben dem Leid und Schrecken jener Zeit völlig hilflos gegenüber gestanden und waren gezwungen Trauer und Entsetzen als „Normalität“ zu akzeptieren und zu verdrängen. Die Erwachsenen gaben ihnen keine Chance, sich damit auseinander zu setzen. In Misstrauen, Depression und Alpträumen treten diese Erfahrungen aber wieder hervor. Das dahinter stehende Leid kommt den heute Erwachsenen erst spät wieder ins Bewusstsein.
Über 50 zumeist ältere Menschen, die selber „Kriegskinder“ waren, hörten gespannt die sehr unterschiedlichen Berichte von 6 Zeitzeugen aus dem Kirchenkreis.
65 Jahre nach dem Ende des 2, Weltkrieges hat die Erwachsenenbildung des Kirchenkreises Laatzen-Springe die Veranstaltungsreihe "Kriegskinder" organisiert und geht an 5 Abenden den Weg von der Erfahrungen der Betroffenen aus dem 2. Weltkrieg über Literatur, Langzeitfolgen und Film bis zu den "Kriegskindern" aus den aktuellen Konflikten, die bei uns den Frieden suchen.
Rüdiger Knorr aus Devese moderierte den 1. Abend. Hatten die Zeitzeugen erst einmal ihren Erzählfaden aufgenommen, sprudelten so viele Ereignisse hervor, dass am Ende für die Zuhörer kaum noch Zeit blieb, das Gehörte in Gesprächen zu vertiefen. Gleichzeitig fiel auf, dass die Erzähler es vermieden, den „Schrecken jener Zeit“ konkret zu benennen. Doch zwischen den durchaus widersprüchlichen Chiffren, wie „Zwangsjugend“, Terror, Angst vor Bespitzelung, Geborgenheit, Zusammenhalt und Trauer war für mich als Zuhörer das zu spüren, was direkt kaum angesprochen wurde: Verzweiflung, absolute Hilflosigkeit, größtes Entsetzen und lange durchlittener Schmerz.
Rüdiger Knorr gelang es durch vorsichtiges Nachfragen, ein wenig von dem ans Licht zu heben, als beispielsweise von einer eigenen Verwundung gesprochen wurde.
Sehr wichtig war die Erklärung, die die Psychotherapeutin Frau Anette Winkelmüller zu diesen Berichten gab und deutlich machte, dass das Verdrängen der Härte und Grausamkeit ihrer Erlebnisse für die „Kriegskinder“ in ihrer damaligen Umgebung überlebenswichtig war, dass es aber heute wichtig ist, darüber zu sprechen. Denn allein durch Erzählen gelingt es bereits, viele damalige Erlebnisse zu meistern, die unbewusst auch das Verhalten gegenüber eigenen Kindern und Enkeln bestimmen.
Das Gespräch der vielen Betroffenen in den Tischgruppen im Saal musste aufgrund der fortgeschrittenen Zeit auf die zweite Veranstaltung in der Reihe „Kriegskinder“ verschoben werden. Dort wird am 20.05. ab 19.00 Uhr unter dem Titel „Krieg spielen – Frieden lernen“ anhand einer Geschichte von Gudrun Pausewang die Frage gestellt, ob nicht alle Erfahrungen gerade dazu führen müssen, den Wert des Friedens zu erkennen. Und dort ist viel Raum vorgesehen, um auch über eigene Erfahrungen zu sprechen.
Uwe Büttner
Öffentlichkeitsbeauftragter im
Kirchenkreis Laatzen-Springe
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