Predigt zum ersten Weihnachtstag 2020

25. Dezember 2020

„Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten!“ Jesaja 52, 7

Können Füße schön sein, liebe Gemeinde? Ich habe mich das gefragt, und da ist mir eingefallen, dass mir mal ein Paar wunderschöner Füße begegnet sind. Sie steckten in ausgetretenen weißen  Gesundheitslatschen. Flink und leicht, ein bisschen quietschend kamen sie damit auf dem Krankenhausflur über das Linoleum auf mich zu und blieben schließlich vor mir stehen. Die Füße gehörten zu einer Ärztin, die zu mir in den Warteraum vor dem Operationssaal gekommen war. „Alles ist gut gelaufen“, sagte sie. „Sie schläft jetzt. Am besten gehen Sie nach Hause und schlafen auch ein bisschen. Morgen dürfen Sie sie besuchen, sobald sie auf ihrer Station ist. Gute Nacht! Und, ach ja, ehe ich’s vergesse: Frohe Weihnachten!“ Damit drehten sich ihre Füße wieder um, in den weißen Sandalen, unter ihrem weißen Kittel, und gingen mit flottem Schritt dem Feierabend, dem Weihnachtsabend entgegen. Der Tag war lang gewesen. Lange hatte ich dort gesessen und auf diese Füße gewartet. Jetzt war ich ihnen dankbar, dass sie es noch geschafft hatten, zu mir herauszukommen, zu meiner Bank im Wartebereich, auf der ich manche bange Stunde ausgeharrt hatte.

„Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten!“ Was macht Füße schön? Der leichte Schritt, mit denen sie sich nähern, der frische und fröhliche Gang, in dem sie unterwegs sind und der schon einen Teil der guten Botschaft vermittelt, die sie zu uns bringen. Die Nachricht der schönen Füße lautet: Freude. Friede. Gutes. Rettung. Der menschliche Mund fasst dann nur noch das in Worte, was die Füße auf ihrem Weg schon vorgezeichnet, vorgetanzt hatten.

Die Wachtposten sehen sie kommen, hüpfend immer näherkommen: Kleine farbige Flecken zuerst, dann größer werdend. Mädchen und Frauen sind es, in ihren bunten, wehenden Röcken. Von Osten her laufen sie auf Jerusalem zu, von den judäischen Bergen herab. Sie gehen nicht gebückt und nicht in Sack und Asche. Nein, ihre bestickten Festtagskleider haben sie angelegt, und ihre Füße springen munter einher in leichten Sandalen. Sie winken und jauchzen, scherzen und lachen, rufen einander und den Wachleuten Worte zu. „Die Perser haben Babylon erobert! Sie lassen jetzt unsere Gefangenen frei! Und ihr König Kyros will Jerusalem wieder aufbauen, sogar den Tempel!“

Die Mädchen, sie jubeln, sie singen und springen. Sie laufen in Gruppen auf die Stadtmauer zu und eilen sofort durch sie hindurch. Denn der ehemals schützende Wall ist voller Löcher und Lücken und die Wachposten, die auf seinen Resten stehen, können ihre Stadt von dort aus nicht mehr verteidigen. Nur warnen könnten sie, wenn feindliche Truppen kämen. Kämen die Gegner vom Meer her, könnten sie rufen: „Überfall! Flieht in die Berge!“ Und kämen sie aus dem Gebirge: „Rettet euch! Lauft hinunter zum Meer!“

Aber nun kommen aus den judäischen Bergen keine feindlichen Truppen heran, sondern singende, tanzende Frauen und Mädchen. Ihre Füße tragen sie wie von selbst, während sie immer weiter voraneilen und ihre Nachricht weitergeben: „Alles wird gut! Gott kehrt zurück. Die gott-lose, gott-leere Zeit, sie ist vorbei. Es kommen nun wieder gott-nahe, gott-gesegnete Zeiten.“

7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König! 8 Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden's mit ihren Augen sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt. 9 Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. 10 Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

Die Wächter stimmen ein in den Jubel der Freudenbotinnen und geben zusammen mit ihnen die unerhört gute Nachricht weiter an die Tochter Zion, die Bevölkerung Jerusalems. Denn auch sie soll sich nun in Freude üben und im leichten Schritt, ja, tanzen soll sie, leichtfüßig, behände, anmutig und gewagt. Das Blatt hat sich gewendet, endlich. Nicht nur Jerusalem wird es sehen. „Aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.“

Das Heil. Das Wort „Jeschua“ steht dafür in der Hebräischen Bibel. Wir können es auch mit „Rettung“ übersetzen, oder mit „Befreiung“. Jeschua, das ist für uns der, dessen Geburt wir heute feiern. Denn er trägt tatsächlich diesen Namen: Jeschua. Jesus. Retter. Befreier.

Und schon hier in dieser Geschichte, fünfhundert Jahre vor seiner Geburt, zeigt sich für sein Volk und für die ganze Welt die rettende, befreiende Kraft Gottes. Der grausame König Nebukadnezar und das mächtige Babylonische Reich sind weg. Sie, die vierzig Jahre zuvor das kleine Land Juda überfallen und einen großen Teil seiner Bevölkerung in die Gefangenschaft geführt hatten, sie sind sang- und klanglos untergegangen. Ja, sie hatten Jerusalem schwer beschädigt, den Tempel geplündert und zerstört. Aber nun sind sie versunken im Staub der Geschichte, sind einfach bedeutungslos geworden. Der Perserkönig Kyros herrscht nun im Nahen Osten und er verfolgt eine ganz andere Politik. Die Kriegsgefangenen lässt er zurückkehren, Jerusalem wieder aufbauen. Aber nicht Kyros, so lautet die gute Nachricht der Freudenboten, hält hier das Heft des Handelns in seinen Händen. Gott selbst ist es, der ihn in seiner Hand führt wie eine Schachfigur. Sein Werkzeug ist er, nicht mehr und nicht weniger. „Zion: Dein Gott ist König!“ Das ist der Kern dieser wunderbaren Botschaft.

Gott war also gar nicht von ihnen fortgegangen, hatte das Volk überhaupt nicht verlassen. Die Vorstellung, dass Gott nur im Tempel wohnt und nicht mehr bei den Menschen ist, wenn das Gotteshaus zerstört, der Tempelschatz geraubt ist, sie war einfach nicht richtig gewesen. Gott war da, war die ganze Zeit da gewesen und hatte weiter gewirkt. Die Gefangenen in Babylon hatten die göttliche Hilfe gespürt und mit dieser Unterstützung auch in der Verbannung ein sinnvolles Leben geführt. Feste Häuser haben sie sich da bauen können und sogar Synagogen, Gottesdienst haben sie gefeiert, auch ohne den Tempel gesungen und gebetet. Ja, sie haben die über Jahrhunderte hinweg mündlich weitergegebene Geschichte der Befreiung Israels endlich zu Papier gebracht und aufgeschrieben, im fernen Babylon, mit Gottes Hilfe.

Der Grundstein der Bibel, die wir heute in Händen halten, wurde auf diese Weise dort gelegt, in der babylonischen Gefangenschaft. Und die im Land zurückgebliebene Bevölkerung war von Gott genau so wenig vergessen oder verlassen worden. Vielmehr hatte der göttliche Trost ihnen dabei geholfen, nicht in ihrer Trauer unterzugehen, sondern ihre Felder zu bestellen. In einem reichen Segen hatten sie die Ernte eingefahren, hatten Kinder bekommen und großgezogen. Ja, die heilige Hoffnung, die unter ihnen wohnte, hatte ihnen so sehr beigestanden, dass sie immer an die Weggeführten denken und für sie beten konnten: täglich darum bitten, dass es ihnen in der Fremde gut gehen möge. Den Großeltern, den Freundinnen, den Nachbarn von früher. Und dass sie eines gesegneten Tages wiederkehren würden in ihr Land, zu den dort in den Trümmern Zurückgelassenen, den armen Bauern und Landarbeiterinnen.

Gott ist nicht fort, wenn der Tempel zerstört wird. Bei seinen Leuten ist und bleibt Gott, wo sie auch sein mögen, und stärkt ihnen den Rücken mit Trost und Segen. Manchmal dauert es vierzig Jahre, bis der göttliche Wille Gestalt gewinnt und gewaltige Änderungen geschehen. Es lohnt sich, die Hoffnung darauf nicht aufzugeben, sondern sie wach zu halten für den wunderbaren Moment, in dem sich alles wandelt. So wie hier, wo die schönen Füße der Botinnen die rettende Nachricht bringen und mit ihr ein Stück Himmel aufscheint. Ein Anfang, der alles verändert. Da wird das Leben vom Kopf auf die Füße gestellt und beginnt noch einmal ganz von vorn unter den Menschen, die auf Gottes Ankunft hoffen. Dieses Gottesreich unterscheidet sich von allen anderen Königreichen. Denn die irdischen Königshäuser machen aus den Menschen Untertanen, sie lassen sie teuer bezahlen für ihren Prunk und Pomp, für ihre prachtvolle Machtentfaltung. Im göttlichen Königtum geht es umgekehrt zu. Da werden die Menschen frei, sie selbst zu sein. Sie brauchen dafür nichts zu bezahlen, nichts herzugeben, im Gegenteil. Denn die Gottheit verschenkt sich an ihre Menschen aus lauter Liebe zu ihnen. Gott gibt sich selbst hin zum Geschenk und nennt sich: Jeschua. Heil. Mischt sich unter das Volk, bis wir ihn dort kaum mehr erkennen können, – außer vielleicht an seinem leichten Schritt. Und daran, dass seine Botschaft unerhört ist; unerhört gut ist. Denn Jeschua, Gottes Heil, kommt nicht hochherrschaftlich daher, auch nicht schwerfällig dröhnend wie in Soldatenstiefeln. Da ist kein Marschbefehl, wenn er uns in seine Nachfolge ruft, und keine Aufforderung zum Exerzieren im Gleichschritt. Nein, ganz leicht, barfuß in Sandalen, tanzend geradezu, verbreitet Jesus die Nachricht vom kommenden Gottesreich, das anbricht mitten unter uns. Jesus, Jeschua, das ist Gottes unendlich sanfter Aufschlag in unserer Welt. Sein zarter Schritt, mit dem er uns entgegenkommt, ganz ohne Gedröhn. Kein prächtiger, mächtiger Herrscher, sondern ein kleines, schutzbedürftiges Kind.

So lädt Gott uns ein, mit ihm zu gehen, mit ihm zu tanzen, leichten Schritts. Kein wuchtiges Regierungsprogramm präsentiert er uns heute, sondern ein zartes Menschenkind in unserer Mitte, uns anvertraut. Keine Durchhalteparolen, sondern das unstillbare Verlangen nach Frieden und Gerechtigkeit. Diese sanfte Sehnsucht nistet sich ein in den Herzen derer, die Weihnachten feiern. Nicht mit einem laut schmetternden Tusch kommt Gott zu uns, sondern in dem zarten Lächeln eines Neugeborenen. Nicht im Stechschritt, sondern in einem anmutigen Tanz. Weihnachten ist eine Aufforderung zum Tanz. Mit schönen Füßen, die gute Nachrichten verheißen. So, wie der Schritt der Freudenbotinnen, die von den Bergen heruntereilen und rufen: „Es ist alles ganz anders als wir dachten. Gott ist nicht fort. Gott ist hier, mitten unter uns. Er heißt Jeschua. Jesus.“

Amen.

Schöne Füße willst du uns schenken, Gott,

dass wir deinen Frieden in die Welt hineintragen.

Und so bitten wir dich heute am Weihnachtstag:

Fröhlich lass uns deinem Reich entgegengehen mit leichtem Schritt.

Die Freude über deine Geburt lass uns weitertragen in tanzendem Gang.

Dem Unrecht lass uns entgegentreten mit deutlichem Auftreten.

Schenk uns, dass wir Schwierigkeiten begegnen mit einem festen Stand.

Gib, dass wir dein Zugehen auf uns erkennen, deinen Auftritt in unserer Mitte.

Und nimm uns mit in deine sanfte Bewegung, in deinen Reigen der Liebe.

Amen.

Elisabet Heyde, Pastorin im Kirchenkreis Laatzen-Springe

Vakanzvertretung
Pastorin Elisabet Heyde