Verlag am Birnbach - Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen

Gottesdienst zeitgleich

Nachricht 30. Mai 2020

Gottesdienst zeitgleich an Pfingsten

Allein und doch gemeinsam

Overlach_Jonathan
 © Overlach

Liebe Gemeinde,
wie Sie wissen, finden zurzeit Gottesdienste seltener als früher in unseren Kirchen statt und unterliegen zudem strengen Regeln, die durch die Coronapandemie bestimmt werden. 

Daher ermutigen wir Sie, (auch/oder) einen Gottesdienst zeitgleich zu feiern: Unter diesem Namen finden Sie auf unserer Website seit einigen Wochen einen Gottesdienstablauf für den Küchentisch oder das Wohnzimmer oder den Balkon bzw. Garten. Auch in dieser Woche gibt es wieder einen Ablauf mit einem neuen Bibeltext, einem Impuls zum Nachdenken. Der Gottesdienst kann alleine oder zusammen gefeiert werden. Nötig sind im Zweifelsfall nur eine Kerze, eine Bibel, ein Gesangbuch oder ein Smartphone. Das ganze Dorf kann dann zeitgleich feiern, wenn die Glocken läuten. Dann feiern wir eben nicht in der Kirche, sondern in vielen verschiedenen Häusern, denn „Wo 2 oder 3 in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter Ihnen“ (Mt 18,29). Wenn Sie alte Menschen kennen und in ihrer Nachbarschaft haben, die gern Gottesdienst jenseits vom Fernsehgottesdienst mitfeiern möchten, dann drucken Sie den Gottesdienst aus und bringen Sie den Gottesdienst entsprechenden Personen vorbei. Achten Sie dabei bitte auf die Hygienevorschriften und ihre Gesundheit.

Passen Sie auf sich auf, bleiben Sie gesund!
Gottes Segen wünschen Ihnen
der Kirchenvorstand mit Pastor Jonathan Overlach

Den  Ablauf für die Gottesdienste an diesem Sonntag können Sie hier als PDF herunterladen.

Gottesdienst_zeitgleich - am Pfingstsonntag

Die Glocken läuten in Bennigsen zum Gottesdienst hinter der Kirche um 10:45 Uhr.
Kerze entzünden, Bibel und Gesangbuch oder Smartphone bereitlegen.

Einstimmung (lesen oder eine*r in der Hausgemeinschaft liest vor)
Die Glocken läuten und rufen zum Gebet. Pfingsten. Der Tag des Heiligen Geistes. Auf Hebräisch heißt der Geist „Ruach“. Ein weibliches Wort. Es bedeutet: Wind. Und: Atem. Ruach kann feurig sein. Sie macht lebendig. Sie weht, wo sie will. Und ist lauter leuchtend rote Liebe. Ruach ist Gott. Und wir feiern in Gottes Namen. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Gebet
Gott. Ich bin hier. Ich bete zu dir. Mit anderen, die zu dir beten. Genau jetzt. Genau so.
Und ich bringe dir alles, was ist.
Stille
Höre uns. Sieh uns.
Amen. 

Lesung: Apg 2,1-18

Lied: O komm, du Geist der Wahrheit (EG 136, 1+7) 

Etwas tun. Blas jetzt deine Kerze aus. Zieh deinen Mantel und deine Schuhe an und öffne deine Wohnungstür (vergiss den Schlüssel nicht! Kopfhörer für dein Handy könnten auch gut sein). Achte genau auf den Übergang zwischen drinnen und draußen. Wie sieht der Fußboden aus? Hat die Luft eine andere Temperatur? Riecht es anders?
Vielleicht gibt es bei dir mehrere Übergänge von drinnen nach draußen: Wohnungstür, dann Treppenhaus, dann Haustür. Vielleicht bist du auch sofort draußen. Wenn du unbeobachtet bist (oder dir das nicht peinlich ist), kannst du die Übergänge ein wenig ausprobieren: vor- und zurückwippen, einen Fuß drinnen haben, einen draußen, die Füße draußen, aber den Kopf oder das Herz noch drinnen oder umgekehrt.
Wenn du draußen bist, dann gehe 100 Schritte in eine Richtung. Für jeden Tag seit Ostern einen Schritt und für jede Nacht einen Schritt. Geh möglichst geradeaus. Wenn du an eine Wand oder einen Zaun kommst, musst du natürlich ausweichen (oder drüberklettern, wenn du dich traust und dir das nicht peinlich ist, siehe oben). Bleib nach 100 Schritten stehen. Sieh und höre dich um. Welche Menschen, Tiere, Pflanzen, Dinge, Häuser, Wolken, Steine sind um dich herum? Welche Sprachen sprechen sie wohl? Und was würde ihnen gut tun zu hören? Finde einen Satz. Es kann auch ein Satz sein, der dir gut tut.
Flüstere ihn. Bitte den Wind, Ruach, Gott, ihn dorthin zu tragen, wo er gebraucht wird.
Geh zurück zu deinem Haus. Achte dabei immer abwechselnd auf den Himmel und die Erde.
Schließ deine Tür auf. Geh wieder in dein Haus, deine Wohnung, dein Zimmer. Nimm den Mantel mit an den Platz, an dem deine Kerze steht. Vielleicht riecht er ein wenig nach „Draußen“ und Wind.
Zünde deine Kerze wieder an.

Impuls von Pfarrerin Birgit Mattausch
Es gibt eine vage Parallele zwischen der Religion der Menschen und Hausdächern. Vordergründig betrachtet ist sie banal: In beiden Fällen handelt es sich um die höchste Sphäre. Aber daraus lässt sich weiter nichts schließen. Etwas anderes ist wesentlich – Jonas Gustav Wolfgang kam eines Tages darauf, als er vom Heidelberger Schloss auf die Stadt hinabblickte: So wie das Dach ist auch die Religion der endgültige Abschluss, die Krönung, die gleichzeitig den Raum beschließt, ihn vom Rest des Raumes, vom Himmel, von der Höhe und emporstrebenden Unendlichkeit der Welt abgrenzt. Dank der Religion kann man normal leben und braucht sich nicht mit der Unendlichkeit in irgendeiner Form abzugeben, was unerträglich wäre; man kann sich im Haus vor Wind, Regen und kosmischen Strahlen in Sicherheit bringen und verkriechen. Es ist eine Klappe, ein Schirm, den man zumacht, ein Schlupfloch, das man zuschiebt, man versteckt sich, schließt sich ein in sicheren, wohlvertrauten, möblierten Räumen.
(aus: Olga Tokarczuk: Taghaus, Nachthaus, Kampaverlag 1998)
Es gibt eine vage Parallele zwischen Pfingsten und dem Moment, wenn du dein Haus verlässt. Vordergründig betrachtet ist sie banal: In beiden Fällen ist es möglich, dass Wind durch dein Haar streicht. Aber daraus lässt sich weiter nichts schließen.
Etwas anderes ist wesentlich – Petrus kam eines Tages darauf, als er sich plötzlich mitten in Jerusalem wiederfand, seine eigene Stimme hörte und staunte, dass er wusste, was zu sagen war: So wie der Moment, wenn du dein Haus verlässt, dich schutzlos macht, dich dem Wind, dem Regen, dem Himmel, deinen Ängsten aussetzt – so tut es auch Ruach Heiliger Geist. Dank ihr kannst du manchmal nur schwer normal leben und musst dich womöglich immer wieder mit der Unendlichkeit in irgendeiner Form abgeben, mit deiner Sehnsucht, deiner Liebe - was alles gelegentlich unerträglich ist.
Ruach ist keine Klappe, kein Schirm, den man zumacht, kein Schlupfloch, das man zuschiebt.
Sie ist kein sicherer, wohlvertrauter, möblierter Raum. Sie zieht dich ins Ungewisse.
Es gibt eine mehr als vage Parallele zwischen den Worten „Angst“ und „Enge“. Wir fühlen sie am ganzen Körper. Und nur weil Ostern war und Jubilate und Himmelfahrt, und nur weil wir vielleicht verschont geblieben sind oder geübt im Beten, bleibt sie nicht weg, die enge Angst. Angst davor, sich anzustecken. Angst, andere anzustecken. Allein zu bleiben in sich drin. Pleite zu gehen. Nicht zurückzufinden ins Leben. Es falsch zu machen. Angst vor den groben Worten da draußen: „Dann müssen eben welche sterben.“ „Sie sind voll von süßem Wein.“ Angst davor, nicht zu genügen in diesem Wettlauf um was auch immer.
Ruach allerdings baut uns kein Haus gegen die Angst, schmiedet uns keine Rüstung. Sie ist Feuer und Wind. Ist Liebe. Die hilft in der Angst und durch sie hindurch.
Und ich sage zu dir und zu mir selbst und meinem ängstlichen Herzen: Folge dem Heiligen Geist! Vertrau Ruach. Denk und fühl hinaus über die vertrauten, wohlmöblierten Räume. Setz dich der Unendlichkeit aus.
Glaub mir: das ist es wert. Ruach achtet deine Träume. Schenkt dir die Worte, die du brauchst. Sie lässt dich leuchten: feurig, stürmisch, rot und bunt. 
Amen.

Fürbitten
Ruach, Heiliger Geist.
Hier sind wir.
Sei du um uns und in uns.
Mach uns mutig und stark.
Wir denken an alle, die wir lieben.
Was tun sie gerade?
Stille
Wir denken an unsere Angst. Wir geben sie dir.
Stille
Wir denken an die, die wir nicht verstehen.
Stille
Wir denken an die, die gerade so viel verlieren: Geld, Sicherheit, Zukunft.
Stille
Wir denken an die, die tapfer sein müssen für andere.
Stille
Und wir beten, wie Jesus es uns gezeigt hast:
Vater unser…  

Segen
Hände öffnen und laut sprechen:
Gott segne uns und behüte uns.
Gott lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Gott erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden.
Gott Vater. Gott Sohn. Und Gott Heiliger Geist.
Amen.