Verlag am Birnbach - Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen

Gottesdienst zeitgleich

Nachricht 19. September 2020

Allein und doch gemeinsam

Gottesdienst 2
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Liebe Gemeinde,
wie Sie wissen, finden zurzeit Gottesdienste seltener als früher in unseren Kirchen statt und unterliegen zudem strengen Regeln, die durch die Coronapandemie bestimmt werden. 

Daher ermutigen wir Sie, (auch/oder) einen Gottesdienst_zeitgleich zu feiern: Unter diesem Namen finden Sie auf unserer Website seit einigen Wochen einen Gottesdienstablauf für den Küchentisch oder das Wohnzimmer oder den Balkon bzw. Garten. Auch in dieser Woche gibt es wieder einen Ablauf mit einem neuen Bibeltext, einem Impuls zum Nachdenken. Der Gottesdienst kann alleine oder zusammen gefeiert werden. Nötig sind im Zweifelsfall nur eine Kerze, eine Bibel, ein Gesangbuch oder ein Smartphone. Das ganze Dorf kann dann zeitgleich feiern, wenn die Glocken läuten. Dann feiern wir eben nicht in der Kirche, sondern in vielen verschiedenen Häusern, denn „Wo 2 oder 3 in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter Ihnen“ (Mt 18,29). Wenn Sie alte Menschen kennen und in ihrer Nachbarschaft haben, die gern Gottesdienst jenseits vom Fernsehgottesdienst mitfeiern möchten, dann drucken Sie den Gottesdienst aus und bringen Sie den Gottesdienst entsprechenden Personen vorbei. Achten Sie dabei bitte auf die Hygienevorschriften und ihre Gesundheit.

Passen Sie auf sich auf, bleiben Sie gesund!
Gottes Segen wünschen Ihnen
der Kirchenvorstand mit Pastor Jonathan Overlach

Den  Ablauf für die jeweiligen Gottesdienste können Sie hier als PDF herunterladen.

Gottesdienst_zeitgleich - am 15. Sonntag nach Trinitatis

Kerze entzünden, Bibel und Gesangbuch oder Smartphone bereitlegen.
Die Glocken läuten um 9:45 Uhr in Bennigsen und um 10:45 Uhr in Lüdersen.

Einstimmung (lesen oder eine*r in der Hausgemeinschaft liest vor)
Was trägt, wenn nichts mehr trägt? Wie 'gerecht' verhält sich eigentlich das Schicksal, das, was uns passiert oder die göttliche Fügung, wie manche sagen? Und wo ist Gott in all dem?

Gebet
Gott. Ich bin hier. Ich bete zu dir. Mit anderen, die zu dir beten. Genau jetzt. Genau so. Ich bin hier und du bist hier. Das genügt. Und ich bringe dir alles, was ist. Stille
Höre unser Gebet.
Amen. 

Lied: Auf meinen lieben Gott I EG 345
Lesung: Hebräer 10,35-36

Impuls
Im Sonnenschein, wenn alles gut ist und gelingt im Leben, fällt es leicht, ein gläubiger Mensch zu sein. Gott ist dann der, dem man Danke sagen kann. So hat einmal Roman Herzog, einst Bundespräsident, die Frage, ob er denn an Gott glaube, beantwortet: „Ich brauche doch einen, dem ich Danke sagen kann“.

Diese Antwort ist beeindruckend, ich kann sie gut nachvollziehen. Ein gelingendes Leben, in dem alles in Ordnung ist, ein schönes Zuhause, ein Beruf, der Freude macht, vielleicht gut geratene Kinder, die ihren Weg erfolgreich gehen; verreisen können, politische Sicherheit, Gesundheit… da ist der liebe Gott, der alles herrlich regieret und führet, so etwas wie die Kirsche auf der Sahne, wie die Sonne am Himmel, wie der stille, sanfte Abendhauch. Wenn aber, was jedem Menschen allezeit droht, das kommt, was nicht in dieses Bild passt, der Schicksalsschlag, der das ganze heile Gebäude, wenn nicht zum Einsturz bringt, so doch windschief und wackelig macht – was dann? Eine Krankheit wirft nicht nur viele Fragen auf, sie kann einen völlig aus der Bahn werfen. „Nichts ist mehr, wie es war“, sagen Menschen dann. Und natürlich wird die Frage aller Fragen gestellt: „Warum?“ Warum ich, warum jetzt, warum überhaupt? Da steht der „liebe Gott“ dann zur Disposition, merkwürdigerweise ganz oft auch bei denen, die gar nicht an ihn glauben. „Wenn es einen gerechten Gott gibt, wie kann er das dann zulassen?“, lautet die Frage, bevor mit Verbitterung oft geantwortet wird: „Siehst du, da ist eben niemand, der uns beschützt!“ Wer bisher auf Gott vertraut hat, sieht sich in noch schwierigerer Lage. „Wo bist du? Warum erhörst du meine Gebete nicht? Bin ich dir gleichgültig?“.

Ich erinnere mich an einen Fernsehbeitrag, da ging es um einen jungen Mann, Familienvater, drei Kinder, zwei, vier und sieben Jahre alt, der an einem hoch bösartigen Hirntumor erkrankt war. Er sagte an Gott gewandt: „Ich beschuldige dich der unterlassenen Hilfeleistung, der Täuschung all meiner Hoffnungen, der Heimtücke und Bosheit.“ Es war schwer auszuhalten, mit welcher Inbrunst der junge Vater das aussprach. Wer könnte ihn nicht gut verstehen? Ich dachte: Ja, recht hast du, sag‘ das laut, schrei es heraus, diese Enttäuschung und Verzweiflung. Als Seelsorger erkenne ich, dass das dazugehört. Gott ist dann längst nicht mehr „die Kirsche auf der Sahne“ und auch nicht die Sonne am Himmel. Die Wolken hängen tief und es ist frostig geworden. Manche meinen, gläubige Menschen hätten sofort eine Antwort auf jede Frage und auf jede Krise. Ich glaube, dass das nicht so ist. An Gott zu glauben, bedeutet, auf der Suche zu sein.  Eine Suche nach dem großen Plan, die nächste nach Halt im Unglück, die nächste nach einem Ort für die Dankbarkeit. Auch Ich suche Gott immer wieder. Mal sehe ich in die Natur, bestaune die reifen Früchte und den Sonnenuntergang (haben Sie schon mal einen Sonnenuntergang beobachtet, den Sie nicht schön fanden?) Da danke ich, dass Gott die Welt geschaffen hat. Dann sehe ich Furchtbares aus Moria und aus den USA und weiß gar nicht, wohin mit meiner Wut und meiner Trauer. Da dauert die Suche länger. Ich finde Gott nicht mehr am Himmel, nicht in der Schönheit der Natur und auch sonst nicht, wo ich suche. Er rinnt mir durch die Finger, dieser Gott, den ich mir oft vorstelle und dem ich für alles Wunderbare danke. Wo kann ich dann aber genau Gott finden? Nicht über allem Leid, nicht weit weg von allem Schrecklichen, sondern mittendrin. Solidarisch bis zum Ende leidet Gott mit. An dieser Welt, an den Schmerzen der Menschen und ihren Verlusten. In meiner Suche besinne ich mich auf Jesus am Kreuz. Auf den, der da hängt und das alles auch durchlitten hat.

Gott bleibt uns, wenn nichts mehr bleibt. Paulus schreibt im Brief an die Römer im 8. Kapitel: Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. Der liebe Gott ist mir dann fremd geworden. Aber: auch, wenn ich Gott gerade nicht als lieben Gott erfahre, bleibt er der liebende Gott. Der, an den ich mich wenden kann. Der zuhört, wenn ich bete, also mit ihm rede. Gottes Liebe zu seiner Schöpfung und zu uns Menschen steht vor allem anderen. Daran glaube ich fest. Auch wenn ich es nicht immer merke. Ich merke auch: Ich brauche Gott. Genau so, genau dann. Wer sonst könnte mir da die Hand reichen und mich aus der Tiefe ziehen? Dafür bin ich dankbar!

Lied: Aus der Tiefe rufe ich zu dir I EG 597

Fürbitten
Gott, dir legen wir die Flüchtlinge in Moria ans Herz, die unter menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen. Verletzt an Leib und Seele. Umhergestoßen. Angefeindet. Unsägliches haben sie gesehen.
Dem Tode so nahe. Hilf du!
Und hilf uns zu helfen.
Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich!

Dir legen wir die Menschen ans Herz, die Verantwortung tragen.
Die Regierenden in den Krisenländern. Die Regierenden bei uns. Viele erstarrt in Egoismus und Zwängen.
Frieden wünschen wir uns. Leben, das dem Tod widersteht.
Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich!

Dir legen wir die Menschen ans Herz, die niemand liebend berührt. Menschen, die traurig sind.
Einsam. Ohne Lachen. Ohne Lebenslust.
Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich!

Dir legen wir die Menschen ans Herz, die sich engagieren. Für Toleranz.
Für die Achtung vor allen Menschen. In den Vereinen. In den Kirchen. In den Parteien und Initiativen.
Das kostet Kraft. Schenke ihnen deine Lebendigkeit.
Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich!

In der Stille nennen wir die Menschen, die uns besonders am Herzen liegen.

Stille

Gemeinsam stimmen wir ein in das Gebet, das Jesus Christus uns gelehrt hat.
Vater unser…

Segen
Hände öffnen und laut sprechen:
Gott segne uns und behüte uns.Gott lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Gott erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden. Gott Vater. Gott Sohn. Und Gott Heiliger Geist.
Amen.