Gemeindebrief

ANDACHT

Manchmal reicht Kerzenschein nicht aus

Die Tage werden kürzer, die Zeit der Lichter beginnt. Die Kerzen erhellen die Dunkelheit um uns herum. Im November haben wir viele Lichter zum Gedenken angezündet. An die Opfer zweier Weltkriege haben wir gedacht. An die Verstorbenen unseres letzten Jahres. Und an die Opfer der Reichsprogromnacht. Das sind hilfreiche Rituale, um die Verstorbenen nicht zu vergessen, der Trauer einen Ort zu geben und etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Und zu mahnen. Aber reicht das? „Nie wieder!“ haben die Deutschen geschworen, als 1945 ihr Land in Trümmern lag. Nie wieder sollten Jüdinnen und Juden hier in Angst leben müssen wie damals. „Nie wieder!“ haben wir geschworen, als wir in der Schule über den Nationalsozialismus sprachen. „Nicht schon wieder“, stöhnten wir, als wir in der Schule schon wieder über den Nationalsozialismus sprachen. „Nie wieder!“ schwören nach den Morden von Halle viele Menschen in diesem Land, in dem es seit einiger Zeit wieder gefährlich ist, mit einer Kippa auf dem Kopf vor die Tür zu gehen. Es ist eine dunkle (Jahres-) Zeit. Aber es reicht nicht mehr, nur ein paar Kerzen anzuzünden, denn „nie wieder“ stimmt schon länger nicht mehr, die „nie wieder“ erhofften Dinge passieren ja längst wieder, nicht nur in Halle.
Als dort die Synagoge angegriffen wurde, war Jom Kippur. Im Gottesdienst betet die Gemeinde dann: „Unsere Schwüre seien keine Schwüre, unsere Gelübde keine Gelübde.“ Eine vorausschauende Absage an alle Versprechen und Schwüre, die in den nächsten zwölf Monaten folgenlos dahergesagt werden.
„Ihr sollt überhaupt nicht schwören“, sagt Jesus.
Wer ein Land will, in dem Synagogen ohne Polizeischutz auskommen, soll nicht schwören oder Kerzen anzünden, denn das reicht nicht aus. Sondern etwas dafür tun.
Zum Beispiel: Widersprechen, wenn alte Stammtischparolen über „die Juden“ hervorgeholt werden – egal, ob auf der Geburtstagsfeier deines Onkels oder dem Schulhof, deiner alten Stammkneipe oder auf der Facebook-Seite deiner Lokalzeitung. Einschreiten, wenn auf offener Straße Menschen angefeindet werden. Ihnen einen Sitzplatz anbieten oder einen Kaffee.
Politiker abwählen, die den so genannten "Einzeltätern" das Gefühl geben, mit ihren Taten eine Mehrheit hinter sich zu haben. Dann erhellen wir die Dunkelheit nicht nur mit Kerzen, die schön aussehen, sondern mit Worten und Taten, die etwas verändern.

Es grüßt Sie
Ihr Pastor
Jonathan Overlach

 

 

 

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 © Overlach

GB 2019-04

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Jonathan Overlach
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