Ein Buch – ein Fenster!

Die Sommerferien sind nicht mehr weit - und für viele auch die Urlaubszeit. Wie sehr haben Sie in diesem Jahr darauf gewartet? Sind Sie "reif für die Insel"? Oder gehören Sie zu den Menschen, die über den Sommer ihren Garten nicht allein lassen und lieber zu anderen Zeiten wegfahren? Für viele ist die Sommerzeit auch Lesezeit, zuhause oder am Strand. Das Buch ist dann eine Flugreise für die Seele - Vergangenheit und Zukunft, abenteuerliche Geschichten, ferne Länder und andere Lebensweisen sind plötzlich ganz nah und öffnen uns den Horizont. Sie lassen uns ein anderes Leben anprobieren, eine andere Art zu denken.

Bisher hatte ich mich in diesem Jahr mit dem Kauf von Büchern sehr zurückgehalten - im Alltag fällt es mir schwer, mir Lesezeiten freizuhalten.

Jetzt habe ich aber plötzlich doch eine ganze Reihe von Büchern gekauft - nachdem eine von mir geschätzte Theologin aus den USA, Rachel Held Evans, mit nur 37 Jahren gestorben ist. Ich möchte gerne alles lesen, was sie und die Theologinnen und Autoren in ihrem Umfeld geschrieben haben. Möglichst schnell, als könnte ich damit irgendetwas wettmachen, und ausgleichen, dass ich nicht mehr die Gelegenheit haben werde, sie persönlich zu erleben oder neue Gedanken und Worte von ihr in Blogs und Videos zu sehen. Das ist das Gute an Büchern - was geschrieben ist, ist geschrieben. Und wir können zeitversetzt in die festgehaltenen Gedanken eintauchen.

Wenn ich aus diesem Impuls heraus an die Bibel denke, finde ich auch einen spannenden Zugang: So viele Menschen haben an der Bibel mitgeschrieben. Sie haben allein und gemeinsam nach Worten gesucht und aufgeschrieben, was ihnen im Leben begegnet ist und wie sie Gott darin suchten und manchmal fanden. In Ordnung und Chaos, in Poesie und Gesetzesworten, in Sehnsucht und Erinnerung, in Tradition und radikalen neuen Ideen. Ein verwirrendes Buch, vollgestopft mit Leben und Gott und Geheimnis, oft missbraucht als Ansammlung von klaren Antworten. Oder missbraucht als einfache Gebrauchsanleitung für das Leben. Ich sehe das eher so: Allein darin zu lesen oder in Gottesdiensten daraus zu hören, öffnet mir ein Fenster.

Durch dieses kann ich mich langsam hineindenken in die Welt und Weltsicht der Autor*innen. Manche Texte berühren mich sofort. Als würde ich die Geschichte erzählt bekommen. Andere Texte sind so rätselhaft, dass ich versucht bin, schnell weiter zu blättern. In einem meiner neuen Bücher las ich einen Tipp: „Lies langsamer! Du entdeckst dich selbst in den Worten, wenn die Worte die Chance haben, zu dir zu finden.“ So will ich es halten in diesem Sommer: Langsam lesen. Auch in der Bibel. Das Buch wie ein Fenster öffnen. Und da man durch Fenster nicht nur hinausschauen kann, bin ich mir sicher: Gott schaut auch herein.

Es grüßt Sie

Ihr

Pastor Jonathan Overlach

Overlach_Jonathan
 © Overlach