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Zeit für Freiräume 2019

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Mein Freiraum im Herbst

Manche Freiräume sind an die Jahreszeit gebunden. Und einer der schönsten Freiräume entsteht für mich im Herbst. Dabei geht es nicht um eine freie Zeit oder herbstliche Urlaubstage in milden Regionen. Es geht um wenige Minuten, die mich jedes Jahr in Sehnsuchts- und Traumwelten entführen.

In vielen Regionen in Norddeutschland sammeln sich in der zweiten Oktoberhälfte hunderttausende von Zugvögeln. Kraniche und Gänse ziehen abends von ihren Futterplätzen heran und sammeln Kräfte für die weite Reise in den Süden. Aus Skandinavien, dem Baltikum und Sibirien sind sie gekommen, um weiter nach Südspanien oder Afrika zu ziehen. Arktisgänse überwintern zu Tausenden am Niederrhein. Manche haben den Sommer in unserer Region in Niedersachsen verbracht und machen sich nun auf die Reise. Für mich sind solche Vogelzüge kleine Herbstfreiräume. Immer wenn ich die Formationen am Himmel höre, gehen meine Augen suchend nach oben. Die kräftigen und langsamen Flügelschläge werden die Tiere über viele Ländergrenzen durch den Kontinent tragen. Manche Tagesetappe kann bis zu 1000 Kilometer lang sein. Am schönsten ist dieses Schauspiel nachts. Denn auch in mondhellen Nächten fliegen die Vögel. Sie orientieren sich an Flussläufen und anderen Landschaftsmarken. Die trompetenden Schreie der Kraniche oder die knarrenden Rufe der Gänse locken mich dann aus dem Bett. Es scheint als höre man das Rauschen des Windes zwischen ihren Flügelfedern. Dann stehe ich auf dem Balkon und schaue am schwarzblauen Himmel den Keil der Vögel. Schon nach wenigen Minuten ist das graue Geschwader aus der Sicht- und Rufnähe entschwunden und zieht weiter durch die dunkle Himmelweite.

Dann beginne ich selbst zu träumen. Wie ein kleiner Nils Holgersson, der auf dem Rücken einer Wildgans durch Schweden fliegt. „Frage doch .. die Vögel unter dem Himmel, die werden dir’s sagen“, lese ich im Buch Hiob.

Selma Lagerlöf lässt den kleinen, frechen 14jährigen Nils als Wichtelmännchen auf dem Gänserich Martin über Schweden hinwegfliegen. Er versteht die Sprache der Tiere, hilft ihnen und erlebt allerlei Abenteuer. Diese Geschichte hat mich seit meinen Kindertagen begleitet. Ein altes, dickes Buch ging in meinem Leben mit, in dem auf 500 Seiten diese Kinderträumerei aufgezeichnet war. In gelbem Leineneinband von 1928. Und so höre ich die Gänse reden. Sie erzählen von der Mitternachtssonne und den taghellen Sommernächten, in denen sie sich fett gefressen haben und von den eisigen Weiten Sibiriens, denen sie zum Winter entfliehen. Sie berichten von den schwarzen Seen und grenzenlosen Wäldern, von den Stromschnellen der Flüsse und üppigen Wiesen. Von einer anderen Welt.

Nur Träumerei? Alles nur Einbildung, auf die Rufe der Gänse zu hören oder dem Schrei der Kraniche zu lauschen? Oder ein Vorgeschmack der Unendlichkeit?

„Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“ Ps. 139,9

Gesegnete Herbsttage wünscht

Ihr

Ralf Meister

Mein Freiraum am Tag - das Abendgebet

Das Motto der Hannoverschen Landeskirche "Zeit für Freiräume" ermuntert in diesem Jahr dazu, Routinen, Muster und Traditionen bewusst zu erleben, zu hinterfragen und vielleicht auch aufzubrechen.

Landesbischof Ralf Meister berichtet davon, dass er mit dem "Gebet für alle" von Lothar Zenetti seinen täglichen Freiraum an der Grenze zwischen Tag und Nacht gefunden hat. Menschen, die ihm nahe sind, legt er mit Hilfe dieser Worte Gott ans Herz.

Behüte, HERR, die ich dir anbefehle,
die mir verbunden sind und mir verwandt.
Erhalte sie gesund an Leib und Seele
und führe sie an deiner guten Hand.


Sie alle, die mir ihr Vertrauen schenken
und die mir soviel Gutes schon getan.
In Liebe will ich dankbar an sie denken,
o Herr, nimm dich in Güte ihrer an.


Um manchen Menschen mache ich mir Sorgen
und möchte helfen, doch ich kann es nicht.
Ich wünsche nur, er wär bei dir geborgen
und fände aus dem Dunkel in dein Licht.


Du ließest mir so viele schon begegnen,
so lang ich lebe, seit ich denken kann.
Ich bitte dich, du wollest alle segnen,
sei mir und ihnen immer zugetan.

Mein Freiraum in der Woche - der Sonntag

Jeder Sonntag ist gleich, jeder Sonntag ist anders. In einer besonderen Weise sind durch alle Lebensjahrzehnte die Sonntage ähnlich geblieben und doch verschieden. Gewiss hat dieser erste Tag der Woche, an dem wir die Auferstehung Jesu feiern, nicht mehr die Beschaulichkeit meiner Kindheit. Das etwas spätere Aufstehen und ein geruhsames Frühstück mit Eltern und Geschwistern gehörten dazu. Zuvor durften mein Bruder und ich auf Vaters Schoß beim Weg zum Brötchenholen das Auto durch den Wald lenken - großes Abenteuer. Und vom Frühling bis zum Herbst fand nach dem Frühstück eine Feldbegehung statt. Das war, mein Vater kam aus der Landwirtschaft, ein kleiner Spaziergang mit der ganzen Familie durch das große Grundstück mit 60 Obstbäumen, zahllosen Johannis- und Stachelbeersträuchern und einem riesigen Gemüsefeld. Alles versprach viel Arbeit im Herbst, wenn die „Ernte“ eingebracht werden sollte, mit Apfelmost, Marmelade einkochen und eingeweckten Gläsern von Mix Pickles bis Mirabellen, die in den Kellerregalen bis zur Decke standen. Die Stunden zogen sich in einer Langsamkeit dahin, die mir im späteren Leben selten wiederfahren ist. Kein Termin drängte, es geschah einfach. Am Nachmittag, wenn das Wetter gut war, kam ein Spaziergang in der Fischbeker Heide hinzu. Die Schwarz-Weiß-Fotos erinnern mich, in welcher herausgeputzten Variante wir Kinder mit spazierten: Weiße Kniestümpfe, Lederhosen, helles Hemd. Vater war zu Hause, keine Wäsche auf der Leine, die Uhren liefen langsamer.

Von diesem ruhigen Gleichmaß ist wenig geblieben. Doch auch wenn ich mehrere Gottesdienste feiere an Sonntagen und dabei manchmal hunderte Kilometer zurücklege, ist der Sonntagslauf nur selten so dicht gedrängt wie an den Wochentagen. E-Mails sind die Ausnahme. Post trifft nicht ein, Telefonate sind selten. Bei den Fahrten kann ich hinten im Wagen Tagebuch schreiben, manches Buch lesen oder still die Natur beobachten. Wie freute ich mich jüngst, als wir zu früh an der zweiten Station eintrafen und wir die Zeit auf einem verlassenen Bahnhofsgelände verbrachten, uns an der wilden Natur erfreuten und seltene Schmetterlinge beobachteten. Und jeden Sonntag am Abend der Anruf bei den Eltern - Familie eben.

Für meine Frau und mich ist der Sonntag immer häufiger zu einem gemeinsamen Festtag geworden. Oft reisen wir zusammen in die Gemeinden, freuen uns am Gottesdienst, genießen zusammen die Begegnungen und tauschen uns auf der Rückfahrt über das Erlebte aus. Du sollst den siebenten Tag heiligen, denn auch Gott ruhte an ihm.

Für mich bleibt der Sonntag immer eine andere Zeit. Ein Tag, der an die messianische Zeit erinnert. Das sind nicht die Stunden, die uns noch bevorstehen, sondern jene, in die wir schon jetzt eintauchen können. Es gibt ein anderes Maß, Stille und Erfüllung werden uns geschenkt. Wir leben in diesen Freiräumen wie in einer anderen Welt.

Wenn der Sonntagabend keine anderen Termine bereit hält, klingt er beim Tatort aus. Viel Böses geschieht, aber Frieden und Gerechtigkeit werden siegen.

Bleiben Sie behütet!

Ihr

Ralf Meister