Osterbrief 2021

Nachricht 03. April 2021
Trinitatis-Hemmingen - Ostern 2021:

Osterbrief

Liebe Gemeinde!
Auch in diesem Jahr kommen Ostergrüße aus unserer Gemeinde
– ein Gedicht von Bertolt Brecht und ein Bild des Künstlers Ulrich Brämer..

Sie können den Text unterhalb direkt lesen oder rechts herunterladen.

 


Karsamstagslegende (den Verwaisten gewidmet)

von Bertold Brecht

Seine Dornenkrone
Nahmen sie ab
Legten ihn ohne
Die Würde ins Grab.

Als sie gehetzt und müde
Andern abends wieder zum Grabe kamen
Siehe, da blühte
Aus dem Hügel jenes Dornes Samen.

Und in den Blüten, abendgrau verhüllt
Sang wunderleise
Eine Drossel süß und mild
Eine helle Weise.

Da fühlten sie kaum
Mehr den Tod am Ort
Sahen über Zeit und Raum
Lächelten im hellen Traum
Gingen träumend fort.


Das Gedicht ist „den Verwaisten gewidmet“.
Waisen sind Menschen, die ihre Eltern verloren haben und damit den wichtigsten Schutz für ihr werdendes Leben. Alles was nun in ihnen wachsen will, muss mit einem erhöhten Widerstand rechnen. Es kann sein, dass etwas in ihrem Leben schief läuft, weil es diesen eigentlich selbstverständlichen Schutz entbehren muss. Diesen Menschen mit einer existentiellen Hypothek legt Bertolt Brecht sein Gedicht zu Füßen.
Vielleicht soll es ihnen helfen, den Blick wieder zu heben. Verwaist fühlen sich zur Zeit viele Menschen. Allein gelassen und schutzlos ohne die vielen Selbstverständlichkeiten, die unser Leben vor der Pandemie ausgemacht haben. Brecht hat sein Gedicht „Karsamstagslegende“ genannt.
Man spürt sein Bemühen, diejenigen, die sich verwaist fühlen, nicht zu erschlagen mit einem positiven Glauben welcher Art auch immer: keine theologischen Blocksätze, auch kein „Nach Regen kommt Sonne“ oder ähnliche Lebensweisheiten. Das würde dem Abgrund, dem diese Menschen oft ganz auf sich gestellt gegenüber stehen, nicht gerecht.
Der skeptische Vorbehalt muss den Leidenden zuliebe bleiben: Es ist noch nicht alles Ostern, wir können allenfalls von Karsamstag reden und nach Zeichen für das Ostergeschehen Ausschau halten.
So späht der Dichter aus. Und in diesem spähenden Blick, in dem sich der Dichter mit den Verwaisten verbündet, erscheint die Dornenkrone, die Christus auf seinem Haupt trägt, auf einmal in einem andern Licht. Der dornige Strauch ist kein Folterinstrument mehr, mit dem ein anderer Mensch gequält wird.
Er ist der Natur zurückgegeben worden: Denn er darf neu austreiben und Blüten treiben, auf seinen Zweigen darf sich eine Drossel niederlassen, die wunderbar singt – so hell, dass den Menschen, die bekümmert an den Ort ihrer Qual zurückkommen, leicht ums Herz wird.
Das ist die Osterhoffnung – vorsichtig verpackt in eine Karsamstagslegende, um die Realität des Leidens nicht zu leugnen. Aber es ist dieselbe Hoffnung, die die Kette der Zeugen bewegt hat. Gottes Gnade hat an ihnen gearbeitet. So träumt man nicht aus eigener Kraft. So leichtherzig geht man nicht aus eigener Eingebung fort, da wirkt eine andere Kraft, die nicht nach unseren Gesetzen zu messen ist.
Diese Osterhoffnung möchte ich uns allen ans Herz legen. Möge die Gnade Gottes weiter in uns arbeiten – auf dass auch wir zu Zeugen werdet, die davon erzählen mögen, in unserer Sprache, mit eigenen Worten!

Das Bild von Ulrich Brämer ist in diesem Jahr entstanden.
Er hat die Not in der Pandemie vor Augen und zugleich den See Genezareth, wo Jesus gewirkt hat.
Das Bild ist in leuchtenden Farben gemalt (selbst das Braun scheint zu strahlen).
Im Mittelpunkt steht Christus in einem blauen Gewand. Die Farbe des Himmels scheint auf den Menschen, der vor ihm kniet, überzugehen …

Segenswunsch
zum Bild „Seligpreisungen“ von Ulrich Brämer

Möge Christus auch dich anrühren
mit der Farbe des Himmels
dass du wieder Kraft spürst
und mutige Worte findest gegen den Tod
und bei der Verzweiflung nicht mitmachst

sondern hoch hältst
was dich selbst leben lässt

Mögest du in deinem Leben
mehr Blau als Grau finden
und mehr Hoffnung als Not.
Mögest du dich nicht beirren lassen.

Selig sind, die jetzt keine geistliche Antwort haben.
Selig sind, die das Leid zu ertragen versuchen und es nicht leugnen.
Selig sind, die auch in der Not freundlich bleiben wollen.
Selig sind, die mehr Gerechtigkeit fordern.
Selig sind, die anderen Menschen mütterlich begegnen.
Selig sind, die auch in diesen Tagen keinen Groll mit sich tragen.
Selig sind, die verbinden statt zu trennen.
Selig sind, die dafür angegriffen werden.

Selig sind sie, denn es soll anders werden
und die Brücke zum Himmel ist schon gebaut.


Ein gesegnetes Osterfest wünscht Ihnen und Euch
Pastorin Dr. Ulrike Budke-Grüneklee

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Pastorin Dr. Ulrike Budke-Grüneklee
Kirchdamm 4
30966 Hemmingen
Tel.: 0511 41089510

Osterbrief