Die Luft ist kalt und feucht. Der Himmel bedeckt. Kein Sonnenstrahl findet ihren Weg durch die graue Wolkendecke, als ich an diesem Morgen im Februar zur Gedenkstätte Bullenhuser Damm in Hamburg gehe. Mit jedem Meter werden meine Schritte langsamer, schwerer. Was genau wird mich hier erwarten? In dem vierstöckigen Backsteingebäude, das einmal eine Schule war. Als die Tür hinter mir ins Schloss fällt, begrüßt mich eine Frau mit einem herzlichen Lächeln: „Schön, dass Sie hier sind.“ Was für ein Gegensatz! So viel Freundlichkeit an einem Ort des Grauens. Wie ist das möglich?
Mir wird ganz anders, als ich durch die Ausstellung gehe, mir die Geschichten der 20 Kinder durchlese. Wie konnte Gott so etwas zu lassen? Warum hat er diese Kinder nicht davor bewahrt, dass man an ihnen unmenschliche Tuberkulose-Versuche durchführte und sie dann ermordete? Mich beschleicht das Gefühl: Gott ist noch nie hier gewesen und würde auch nie hier sein.
Oder?
Ich blicke auf die Dokumente, die von der Suche nach Angehörigen der Kinder berichten, von der juristischen Aufarbeitung des Verbrechens und dem Projekt des Rosengartens. Wie gerne würde ich eine Rose für diese Kinder pflanzen. Doch dafür ist leider die falsche Jahreszeit.
Da kommt mir ein Gedanke: Ist Gott vielleicht heute hier? In der Frau am Eingang und allen Menschen, die dafür sorgen, dass es diese Gedenkstätte gibt und auch in Zukunft weiter geben wird? In allen den Menschen, die diesen Ort besuchen? Und vielleicht auch in mir, die ich heute hier bin?