Jubilate

25. April 2026
Foto: MMüller

Amsels Lied

Sie sitzt ganz oben auf der Tanne. Ich kann sie gut sehen. Mein Fenster ist geöffnet. So kann ich sie auch gut hören. Ihr Lied bezaubert mich. Und all die Antwort, die sie bekommt. Ein Hin und Hergesinge ist das da draussen. Ein mehrstimmiges Lied. Ein wunderschöner Song und Sound. Eine Symphonie. Umsonst. Mir geschenkt. Wie wunderbar sind deine Werke, Gott. Spontan fange ich an zu beten. Stimme stumm ein in das Lied. Gehöre dazu. Geniesse diesen kurzen Moment.

Denn jetzt, eben gerade, ist sie fort. Die Tanne ist verwaist. Das Lied nur noch in der Ferne zu hören. Und auch nur, wenn man sehr genau hinhört. Baulärm, Hundegebell, menschliche Stimmen drängen in den Vordergrund. Jemand fegt Blütenblätter beiseite. Ein Auto rast die Strasse entlang.

Schon sehne ich mich nach ihr. Wann kommt sie wieder? Wann kommt dieser Moment wieder? Wann dieses Schmetterlingsgefühl? Als wäre ich verliebt. Als wäre alles gut. Bei mir und auf der Welt.

Hat sie mein Sehnen gespürt? Hallo. Da ist sie doch tatsächlich wieder. Wo war sie zwischendurch? Was hat sie gemacht? Woanders gesungen?  Wen anders beglückt? Weg war sie. Und zugleich offenbar doch nicht.

So oft überrascht mich das. Dass Jemand wieder da ist. Dass Jemand wieder freundlich ist. Dass Jemand glaubt, woran auch mein Herz hängt. Dass wieder Kontakt möglich ist. Freude. Glücksgefühle. Zuneigung. Alles verloren geglaubt. Nicht mehr zu sehen, nicht mehr zu spüren. Und dann. Doch.

Deswegen kann ich mit dem Abwesenden was anfangen. Weil ich diese Erfahrung immer wieder mache: weg und wieder da. Abwesend und doch anwesend.

Ich schaue zur Tanne. Und fasse es nicht. Eine Zweite sitzt ein paar Äste tiefer. Sie schauen einander an. Sie haben sich gefunden.

Der Sonntag morgen trägt den passenden Namen zu meinem Gefühl: Jubilate.