Albrecht Weinberg ist im Mai diesen Jahres verstorben. Mit 101 Jahren. Er
hat als Jude den Holocaust, zuletzt in Bergen Belsen, überlebt. Fast seine
ganze Familie nicht. Er hat unermüdlich an Schulen seine Geschichte erzählt.
Zum Glück hat er auf diese Weise vielen jungen Menschen Einblick in diese
deutsche Geschichte des Grauens gegeben. Damit hat er etwas sehr
Wichtiges dazu beigetragen, dass der Wert der Menschlichkeit gestärkt wird.
Dass Zukunft menschlich ist. Dass Menschen menschlich bleiben.
Und dann ist da dieser Moment aus dem Dokumentarfilm in der Tagesschau.
Eine Schülerin tritt zu ihm. Sie fragt: Darf ich Sie umarmen?
Er beugt sich etwas vor aus seinem Rollstuhl, fragt nach, hat nicht ganz
verstanden. Sie wiederholt ihren Wunsch. Und ja, natürlich, gerne. Die
Schülerin beugt sich herunter und umarmt ihn.
Wieviel Jahre liegen zwischen diesen beiden Menschen? Vielleicht 87 Jahre?
Sie könnte seine Urenkelin sein. Und wieviel Jahre liegen noch vor ihr?
Wie wird diese Begegnung ihr Leben prägen? Wen und was wird sie noch
alles umarmen in ihrem Leben? Welche Politik, welche Werte, welche
Haltungen wird sie vertreten? Wofür, für wen sich einsetzen? Sie war berührt
von diesem alten Mann und seiner Geschichte. Sie hat sich berühren lassen
von seinem Leid, von seinem Mut, seiner Hoffnung, seiner Energie. Sie fühlte
sich von ihm umarmt. Und hatte das Bedürfnis, ihn zurück zu umarmen.
In dieser Umarmung eines alten Mannes und eines jungen Mädchens fühlte
auch ich mich mit umarmt. Ja, und nicht nur mich. Ich fühlte die Welt
umarmt. Ich fühlte Arme um die Welt. Die Welt in den Armen Gottes. Und
Gott in den Armen der Welt.